Wenn Handwerk Hoffnung schenkt

Eine Werkstatt für Holzrollstühle in Lwiw

Ein Rollstuhl aus Holz – gebaut von den Menschen, die ihn selbst brauchen. Was zunächst ungewöhnlich klingt, wird für sechs Veteranen in der Ukraine zur Realität.
Hinter diesem Projekt steht der Franzose Paul de Livron, der seine eigene Erfahrung nutzen wollte, um Menschen mit schweren Verletzungen neue Perspektiven zu eröffnen. Vor einigen Monaten war er im Unbroken Center in Lwiw – einem großen Rehabilitationszentrum für Menschen mit schweren Verletzungen. Es ist der Ort an dem das großartige Projekt seinen Anfang nimmt.

Eine kleine Werkstatt mit großer Wirkung

Aus der ursprünglichen Idee entwickelt sich Schritt für Schritt ein konkretes Projekt. Nach mehreren Monaten Vorbereitung beginnt Paul schließlich mit der Umsetzung seines Vorhabens.

Im Unbroken Center stellte das Rehabilitationszentrum einen kleinen Raum im Untergeschoss eines Gebäudes zur Verfügung – rund 25 Quadratmeter groß, aber ausreichend, um dort eine funktionierende Werkstatt einzurichten. Paul bringt die benötigte Ausrüstung aus Frankreich mit und richtet den Raum so ein, dass die Teilnehmer dort sicher und komfortabel arbeiten können. Schon bald beginnt das erste kleine Programm: Sechs Teilnehmer treffen sich regelmäßig, um gemeinsam an ihren eigenen Rollstühlen zu arbeiten. Über einen Zeitraum von fast fünf Wochen kommt die Gruppe fünf Tage pro Woche für jeweils etwa drei Stunden in die Werkstatt.

Schritt für Schritt entstehen aus Holzplatten und einzelnen Bauteilen individuelle Rollstühle. Doch das Ziel des Projekts ist mehr als nur ein fertiges Hilfsmittel. Die Arbeit in der Werkstatt soll den Teilnehmern auch Struktur im Alltag, neue Motivation und ein klares Ziel geben.

Präzise Arbeit mit Festool Werkzeugen

Die benötigte Ausrüstung wurde von Festool zur Verfügung gestellt und von Paul persönlich nach Lwiw gebracht. In der Werkstatt kommen verschiedene Elektrowerkzeuge zum Einsatz, darunter ein C 18 Akku-Bohrschrauber, eine HKC 55 Akku-Handkreissäge und ein ETS 125 Exzenterschleifer. Sie helfen dabei, die einzelnen Bauteile präzise zu bearbeiten und die Rollstühle Schritt für Schritt zusammenzusetzen. Viele der Komponenten wurden aus 12 mm starken Sperrholzplatten gefertigt. Nachdem die Teile ausgeschnitten sind, werden sie sorgfältig positioniert und mit Festool Zwingen fixiert, bevor sie dauerhaft montiert werden. Auch eine saubere Arbeitsumgebung spielt eine wichtige Rolle: Die Werkzeuge sind an ein CT 15 Absaugmobil angeschlossen, während ein SYS-AIR M Luftreiniger feine Staubpartikel aus der Luft filtert.

Für Paul war diese Ausstattung besonders hilfreich, weil die Werkzeuge leicht zu handhaben sind und präzises Arbeiten ermöglichen – ein wichtiger Faktor für Menschen, die unter besonderen körperlichen Voraussetzungen und Einschränkungen arbeiten.

Der Weg zum eigenen Rollstuhl

Jeder Rollstuhl wird individuell angepasst und ist somit ein handgefertigtes Unikat. Zunächst entwickelt Paul mithilfe von CAD-Software für jeden Teilnehmer einen Plan, der genau auf Körpermaße wie Beckenbreite, Schwerpunkt und Rückenlehnenhöhe abgestimmt ist. Die Pläne werden im Maßstab 1:1 ausgedruckt. Anschließend schnitten die Teilnehmer die einzelnen Bauteile aus dem Papierplan aus und befestigten sie mit doppelseitigem Klebeband auf 12 mm starken Sperrholzplatten, die in einer ukrainischen Fabrik hergestellt werden. Auf dieser Grundlage können die Holzteile anschließend mit einer Dekupiersäge ausgeschnitten werden. Diese Maschine arbeitet besonders langsam und kontrolliert – und genau das erweist sich als großer Vorteil um enge Radien sauber und präzise zu schneiden. Die Arbeit mit der Dekupiersäge erfordert viel Konzentration und half den Teilnehmern, sich vollständig auf ihre Aufgabe zu fokussieren und für eine Zeit lang Abstand von schwierigen und belastenden Gedanken zu gewinnen. Nachdem alle Teile gefertigt sind, werden sie zusammengesetzt und anschließend in mehreren Durchgängen geschliffen. Mit dem ETS 125 Exzenterschleifer erhielten die Holzoberflächen schließlich ihre endgültige Form und ein sauberes Finish.

Die ersten fertigen Rollstühle waren für die Teilnehmer ein besonderer Moment – der Stolz auf die eigene Arbeit war deutlich zu sehen.

Ein Moment, der in Erinnerung bleibt

Besonders in Erinnerung geblieben ist Paul die Geschichte eines Teilnehmers namens Ivan, der etwa in seinem Alter ist. Ivan arbeitete früher als Bergarbeiter im Osten der Ukraine.

Im Jahr 2023 erlitt er bei einem Angriff eine schwere Verletzung der Wirbelsäule. Seitdem ist er auf einen Rollstuhl angewiesen und kam zur Rehabilitation ins Unbroken Center in Lwiw, mehr als tausend Kilometer von seiner Heimat entfernt. Die Werkstatt wird für ihn schnell zu einem wichtigen Bestandteil seines Alltags. Neben den Werkstattsitzungen trainiert Ivan auch mit der Rollstuhlbasketballmannschaft „Lviv Titans“. Als Ivan nach fünf Wochen seinen Rollstuhl fertiggestellt hat, greift er sofort zu seinem Telefon und beginnt, das Ergebnis aus allen Perspektiven zu fotografieren. Anschließend schickte er die Bilder an Freunde und Familie.

Für Paul war dieser Moment besonders bewegend: „In diesem Moment wurde mir klar, wie stolz er auf das war, was er geschaffen hatte.“ 

Ein Projekt, das weiterlebt

Das noch junge Projekt entwickelt sich schnell zu einem großen Erfolg.

Damit die Initiative weitergeführt werden kann, bleibt die Werkstatt im Unbroken Center in Lwiw bestehen. Auch die dafür bereitgestellte Ausrüstung wird weiterhin vor Ort genutzt. Ein Teilnehmer namens Andriy der seinen Rollstuhl bereits fertiggestellt hat, soll künftig die Betreuung der Werkstatt übernehmen und neue Teilnehmer unterstützen. Langfristig könnten auch ehemalige Teilnehmer ihr Wissen weitergeben und so weitere Menschen begleiten.

Was als kleines Experiment in einem Raum im Untergeschoss begann, entwickelte sich zu einem Projekt mit großer Wirkung. Die Werkstatt zeigt, dass handwerkliche Arbeit mehr sein kann als nur ein technischer Prozess: Sie kann Selbstvertrauen zurückgeben, neue Fähigkeiten vermitteln – und Menschen dabei helfen, wieder an sich selbst zu glauben.

Das nächste Ziel: der Paris Marathon 2026

Aus der Zusammenarbeit entstand schließlich eine weitere Idee. Bereits beim Paris Marathon 2025 nahm Paul selbst in einem seiner Holzrollstühle teil und war überrascht, wie groß das Interesse an dieser Teilnahme war. Nun plant er, gemeinsam mit den ersten sechs Teilnehmern seiner Werkstatt am Paris Marathon im April 2026 teilzunehmen. Über die Wochen hinweg sind sie zu einem engen Team geworden.

Jeder wird selbst entscheiden, mit welchem Rollstuhl er startet – mit seinem selbstgebauten Holzrollstuhl oder mit einem klassischen Modell. Ziel ist es, die 42 Kilometer gemeinsam zu bewältigen und sich gegenseitig zu unterstützen. Paul selbst wird den Marathon in seinem neuesten Holzrollstuhlmodell absolvieren. Mit dieser Initiative möchte die Gruppe Aufmerksamkeit für Menschen schaffen, die nach schweren Verletzungen ihren Alltag neu gestalten müssen.