Exklusivinterview mit der Makerin Laura Kampf

Die Makerin Laura Kampf begeistert ihre Fans auf Instagram und YouTube.
Laura Kampf
Makerin
Die Makerin, Designerin und YouTuberin Laura Kampf begeistert mit ihren einzigartigen und individuellen Kreationen, die stets unter dem Motto „The process is the product“ laufen, ihre halbe Millionen Fans weltweit auf YouTube. Jede Woche gibt es ein neues Video – und ein neues Projekt auf YouTube und Instagram zu bestaunen.

Laura, du gehörst zu einer neuen Gruppe im Handwerk, den sogenannten Makern. Was heißt eigentlich Makerin? Und wie unterscheidet sich deine Tätigkeit als Makerin vom klassischen Handwerk?

Aus meiner Sicht ist der große Unterschied, dass wir alles ein bisschen und nichts richtig können (lacht). Aber im Ernst: Der größte Unterschied ist, glaube ich, dass wir Maker disziplin- und gewerkübergreifend arbeiten. Das hat den Vorteil, dass ich nicht an einen Werkstoff, wie beispielsweise Holz, gebunden bin, sondern auch mit Metall oder recycelten Werkstoffen arbeiten kann. Das ist manchmal gar nicht so leicht, weil man viel improvisieren muss. Ich glaube, das ist der große Unterschied zum klassischen Handwerk. Wenn man die klassische Ausbildung zum Schreiner gemacht hat, kennt man sich in seinem Gebiet supergut aus und ist perfekt gewappnet und weiß sehr viel darüber und macht alles perfekt. Das ist bei mir nicht so. Ich mache im Vergleich zu einem ausgebildeten Schreiner auch sehr viele Fehler. Aber dadurch, dass man systemübergreifend arbeitet, ist das nicht ganz so schlimm und man kann das ein bisschen ausgleichen. Es ist alles viel improvisierter, aber dadurch oft auch kreativer und freier.

Du sprichst von Werkstoffen – hast du ein Lieblingsmaterial? Du machst ja aus Gasflaschen Mülleimer oder wie gerade: aus einem Pferdeanhänger einen Wohnwagen …

Holz ist definitiv einer meiner Favoriten. Weil man damit sehr ruhig und besonnen arbeiten kann. Da geht es um die richtige Reihenfolge, um Verleimzeiten und so weiter. Aber man muss auch das Holz als natürlichen Werkstoff respektieren. Ist es trocken genug? Muss ich eine Stelle auftrennen und neu verleimen, weil sonst zu viel Spannung entsteht? Das alles finde ich interessant, weil es ein sehr konzentriertes, ruhiges Arbeiten ist.

Hast du denn eine handwerkliche Ausbildung gemacht – woher hast du das ganze Wissen?

YouTube (lacht)! Das klingt vielleicht komisch, aber das meiste habe ich tatsächlich auf YouTube gesehen und mir angeeignet. Insgesamt ist es eine Fünfzig-fünfzig-Mischung aus „Do it yourself“ und „Trial and error“. Da will man sich ein eigenes Bücherregal bauen und kommt sofort an seine Grenzen, weil man so etwas noch nie gebaut hat. Da ist beinahe alles eine Hürde oder Herausforderung. Deshalb habe ich am Anfang alles gegoogelt und wenn etwas nicht geklappt hat, fand ich heraus, warum – und beim nächsten Mal wurde es dann besser. Ich glaube wirklich, dass mein Improvisationskatalog mittlerweile so groß ist, dass es immer so aussieht, als würde ich superviel wissen. Aber eigentlich weiß ich gar nicht so viel – ich improvisiere mich nur aus diesen Sackgassen immer ganz gut raus, in die ich mich selbst hineinbaue.

Und dadurch findest du wieder neue Wege …

Absolut! Ich weiß oft vorher gar nicht, wie das alles laufen wird, was ich mir so ausgemalt habe. Ich mag es auch nicht, vorab einen genauen Plan zu haben, weil ich mich ganz gut auf meinen Improvisationskatalog verlassen kann, und dann gibt es immer einen Weg, um bei einem Projekt noch die Kurve zu kriegen.

Das heißt, du vermisst eine Ausbildung gar nicht so wirklich und baust aus diesem Katalog auch Homeoffice-Tische und all deine Projekte, für die dich deine Fans so lieben?

Ich baue mich Schritt für Schritt ans Ziel. Ich finde es immer ziemlich lähmend, wenn man von vornherein weiß, was alles für Schwierigkeiten auf einen zukommen werden. Bei jedem Projekt kann immer eine Menge schiefgehen. Das Holz kann sich verziehen, der Leim haftet nicht. Aber das sind immer Worst-Case-Szenarien. Ich habe mir angewöhnt, immer vom Best Case auszugehen, und wenn dann doch etwas schiefgeht, dann bekomme ich das aber auch wieder repariert. Wenn man die Dinge immer von der negativen Seite aus angeht und am Ende davon abgehalten wird, ist das irgendwie schade.

„Jemanden zu sehen, der etwas richtig durchzieht und Spaß an der Arbeit hat und nicht aufhört, kreativ zu sein und Dinge umzusetzen und zu bauen, das inspiriert mich am allermeisten. Eine gute Idee zu haben, ist die eine Sache, aber etwas umzusetzen, ist eine ganz andere.“

Laura Kampf - Makerin

Wir Erwachsenen verlernen das vielleicht mit zunehmendem Alter und lassen oft Vorsicht walten, anstatt ein unnötiges Risiko einzugehen und zu scheitern …

Ja, da ist mit Sicherheit etwas Wahres dran. Dabei kann es doch großartig sein, wenn etwas schiefgeht! Im Zweifel ist es eine neue Herausforderung, aus der man lernen kann. Dabei muss man sich nur fragen: Wie bekomme ich das jetzt mit meinen Mitteln wieder repariert? Mit der handgeführten CNC-Oberfräse Shaper Origin beispielsweise kann ich wunderbar kleine Fehler in der Struktur aufhübschen und hinterher sieht es sogar besser aus als das, was ich ursprünglich geplant hatte. Wenn eine kleine Sache im Rahmen eines Projekts schiefgeht, heißt es nicht zwangsweise, dass alles umsonst war. Ich sehe es als neue Herausforderung, die am Ende alles sogar noch interessanter und spannender macht.

Wo wir gerade von der Shaper Origin sprechen: Was ist denn dein Lieblingstool?

Im Grunde genommen sind es drei: die Tauchsäge TSC 55, der Winkelschleifer AGC 18 und der neue Akku-Schlagschrauber TID 18. Mit diesen drei Tools kann man schon richtig viele Projekte umsetzen. Wenn ich mich für eines entscheiden müsste, dann wäre es vermutlich der Akkuschrauber. Den braucht man immer. Aber mein Lieblingswerkzeug ist die Tauchsäge. Das ist einfach eine eierlegende Wollmilchsau. Mit einer Tauchsäge kann man extrem viel machen.

… und was war dein erstes Elektrowerkzeug?

Das war ein Set mit Akkuschrauber und Winkelschleifer.

Woher nimmst du den kreativen Input? Wie läuft die Ideenfindung bei dir ab? Was ist deine Inspirationsquelle?

Ich glaube, die Quelle meiner Kreativität ist wie ein Kreislauf, in den man richtig reinkommen muss. Das ist ein bisschen wie beim Joggen: Wenn man einmal diesen Rhythmus hat, kommt man in einen kreativen Flow und ist sozusagen geübt darin, kreativ zu sein. Manchmal falle ich aber sonntags nach dem Livegang eines neuen Videos in ein Loch und denke mir: Das ist das Ende deiner Karriere, dir fällt nie wieder etwas ein. Aber irgendetwas passiert dann montags oder dienstags, wo ich denke: „Ja cool!“. Die Welt bietet einem ja superviel an – meine Umgebung, auch Freunde, dienen daher auch als Inspirationsquelle.

Hast du Vorbilder? Oder inspirierst du dich bei anderen Makern und Designern?

Eines meiner größten Vorbilder ist Tom Sachs. Er ist ein großartiger amerikanischer Skulpturkünstler, der alles, was ich so toll am Bauen finde, in die Tat umsetzt. Nicht immer alles neu zu kaufen, sondern auf vorhandene Materialien und Dinge zurückgreifen, sie zu recyceln und das zu benutzen, was es schon gibt. Spannend ist es auch, Dinge in einen neuen Kontext zu bringen oder zu upcyceln. Jimmy DiResta, Simone Giertz und Adam Savage sind ebenfalls unversiegbare Quellen meiner Inspiration. Jemanden zu sehen, der etwas richtig durchzieht und Spaß an der Arbeit hat und nicht aufhört, kreativ zu sein und Dinge umzusetzen und zu bauen, das inspiriert mich am allermeisten. Eine gute Idee zu haben, ist die eine Sache, aber etwas umzusetzen, ist eine ganz andere. Die Idee ist immer nur die Spitze des Eisbergs – die eigentliche Arbeit ist der Hauptanteil und liegt unterhalb der Oberfläche.

Wie lange benötigst du, um von der Idee zur Umsetzung zu kommen?

Ich versuche im Moment, das Projekt und das dazugehörige Video in einer Woche umzusetzen.

Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus? Gibt es so etwas überhaupt?

Eigentlich dreht sich mein gesamter Alltag um die Werkstatt und die Videoproduktion. Wobei die Filmaufnahmen noch mehr Zeit in Anspruch nehmen als das Bauen selbst. Das Einstellen der Kamera und das grobe Konzept im Kopf zu haben. Da ich ja in meinen Videos nicht spreche, sondern alles visuell erzähle, ist die visuelle Umsetzung umso wichtiger. Ich bin auch ziemlich häufig bei einem benachbarten Schrottsammler. Dort schaue ich mich regelmäßig nach neuen Fundstücken um. Ansonsten gehe ich mit meinem Hund Smudo spazieren. Einen festen Rhythmus gibt es also nicht – aber mein Leben dreht sich um die Werkstatt.

Welchen Stellenwert hat hochwertiges Werkzeug für dich?

Einen extrem hohen! Das merke ich aber auch erst so richtig, seit ich das Vollzeit mache. Ich glaube, für den Hobbybastler ist es nicht ganz so wichtig, mit der teuersten Säge zu starten. Wenn man aber den ganzen Tag mit einem Elektrowerkzeug arbeitet, dann ist es sehr wohl entscheidend, wie schwer oder haltbar das Werkzeug ist oder wie lange der Akku durchhält. Ich habe am Anfang auch mit günstigen Werkzeugen gearbeitet und dann aber relativ schnell gemerkt, dass es schon von Vorteil ist, wenn man nur ein Ladegerät hat und nicht zig verschiedene Systeme. Seit ich vor ein paar Jahren angefangen habe, mit Festool Werkzeugen zu arbeiten, kann ich viel mehr Augenmerk auf Details legen. Hier noch den letzten Schliff, da noch eine Kante anfasen. Das waren Arbeitsschritte, die ich früher einfach nicht gemacht habe, weil sie mich genervt haben. Am Ende sind es aber genau diese Details, die 5 Prozent Arbeit ausmachen, aber 200 Prozent am Design. Es macht einfach einen riesigen Unterschied, ob eine Oberfläche richtig gut geschliffen wurde oder ob eine Kante sauber bearbeitet wurde. Es ist wenig Arbeit, die aber einen großen Effekt hat.

Was war deine beste Schöpfung bislang?

Meistens finde ich die Projekte am besten, an denen ich gerade arbeite. Also aktuell wäre das beispielsweise die geteilte Tür meines Wohnwagens. Ich glaube, insgesamt war es bisher das Sofa – es verfügt über eine clevere Rückenlehne, mit der es sich im Handumdrehen in ein Bett umbauen lässt. Ich wusste zwar, dass es diese Funktion haben sollte, aber wie es am Ende genau funktioniert, habe ich erst nach drei Tagen Arbeit herausgefunden. Aber das war ein echtes Erfolgserlebnis.

Auf was liegt dein Fokus: auf dem schöpferischen Part oder dem Endprodukt?

Absolut auf dem schöpferischen Teil. Sobald ich ein Projekt beendet habe, verliere ich in der Regel relativ schnell das Interesse daran und beginne damit, das nächste zu bauen. Man könnte sagen, der Prozess ist mein Produkt. Das Objekt selbst ist für mich hinterher relativ uninteressant, ich fange manchmal sogar an, Dinge wieder auseinanderzunehmen (lacht).

Ein Sprichwort sagt: Form follows function – inwieweit trifft das für dich zu?

Absolut! „Form follows function“ und „Keep it simple, stupid“ sind zwei Leitsätze, die ich immer im Kopf habe. Wenn man sich nicht an „Form folgt Funktion“ hält, dann landet man in einem verschnörkelten, skulpturalen Bereich, der für mich gar nicht das kommuniziert, worum es eigentlich geht. Ich habe Kommunikationsdesign studiert und mein Diplom gemacht. Die Kommunikation ist für mich auch beim Design bis heute wichtig: Was will mir dieses Möbelstück überhaupt sagen? Bei der Umsetzung ist oftmals die einfachste Lösung die richtige. Ich baue ja auch gerade an meinem Camper und da ist es so einfach, in einen Kaninchenbau zu fallen mit allen möglichen Gadgets, wie Solarstrom, Durchlauferhitzer und so weiter. Dabei sind es am Ende eine Isomatte und ein Eimer Wasser, die auch funktionieren würden. Dinge einfach zu halten, ist also ein guter Grundsatz für mich.

Du sprichst von Einfachheit. Was ist für dich wichtiger: die Fertigungstiefe und Qualität deiner Möbelkreationen oder die Umsetzung deiner Idee oder einer bestimmten Funktion?

Die Umsetzung der Idee. Wie detailliert und wie feinteilig, liegt immer an der Zeit und am Budget. Manche Sachen kann ich nur aus Sperrholz oder Multiplex bauen, weil einfach das notwendige Geld fehlt. Wenn die Zeit und das Geld aber für ein Projekt vorhanden sind, nehmen auch die Fertigungstiefe und die Liebe zum Detail zu. Aber das Wichtigste für mich ist, dass es umgesetzt wird.

Viele junge Leute wissen nicht genau, was sie nach der Schule machen sollen. Was würdest du ihnen mit auf den Weg geben? Würdest du eine handwerkliche Ausbildung empfehlen?

Am wichtigsten ist es, keine Angst davor zu haben, eigene Methoden, eigene Wege und die eigene Ästhetik auszuprobieren. Wichtig ist auch, dass man immer offen für neue Ideen bleibt. Einer der Punkte, der mich in meinen ersten Jobs so frustriert hat, war die Antwort auf die Frage: „Warum machen wir das denn so?“ „Ja, weil das schon immer so war.“ Das ist eine der blödesten Antworten überhaupt. Dabei ist es gerade so wichtig, das Wissen selbst zu entwickeln und seinen eigenen Weg zu gehen. Auch wenn sich hinterher herausstellt, dass es ein Umweg war. Das ist gar nicht schlimm. Der Weg ist das Ziel.

Dein YouTube-Kanal ist weltweit sehr erfolgreich und du hast vor kurzem die 500.000-Follower-Marke geknackt. Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen „Laura Kampf“ zur Marke zu machen?

Das hatte mehrere Gründe. Einerseits habe ich andere Maker, wie Jimmy DiResta, im Netz gesehen und war so fasziniert, dass er das alles allein macht. Ich dachte immer, dass er mehr Leute um sich herum hat, um all seine Produktionen umzusetzen, aber er macht tatsächlich alles mit einer GoPro-Kamera in seinem Keller. Da dachte ich mir: Das kannst du auch!

Was war denn dein erstes größeres Investment als Makerin?

Das erste und gleichzeitig größte Investment war das Anmieten meiner eigenen Werkstatt. Ich war am Anfang in meiner Ein-Zimmer-Wohnung und konnte wegen des Platzmangels überhaupt nicht herausfinden, ob eine handwerkliche Karriere etwas für mich ist. Eine Werkstatt zu mieten, ist sehr teuer. Ich habe damals meine Wohnung aufgegeben und mein Auto verkauft. Von dem Geld habe ich mir direkt einen Wohnwagen angeschafft und habe für die nächsten fünf Jahre in meiner Werkstatt gewohnt. Bei minus zehn Grad im Winter merkt man dann ganz schnell, ob man das wirklich machen möchte, oder nicht (lacht).

Letzte Frage: Welches Projekt fand dein Hund Smudo am besten? Welches Projekt konnte er am besten nutzen?

In beiden Fällen ist es die umklappbare Schlafcouch (lacht).